--- Page 1 --- IRLAND Die Insel der Heiligen und Rebellen VON STEVEN WIEL Die Iren sind bekanntlicherweise voller Humor, mal beißend, mal philosophisch, mal Gottes Willen ergeben, mal aufständischer als Luzifer selber. Und sie verstehen es sogar, über sich selber zu spotten, weshalb es niemanden zu wundern braucht, daß sie überall in der Welt entweder der Besitzer des Grand Hotels oder aber dessen Gepäckträger sind. * Während des Krieges wurde ein junger, schnottriger Leutnant vom Intelligence Service nach dem neutralen Irland geschickt, um die Stimmung der Bevölkerung zu prüfen. Mit apostolischem Eifer beginnt er gleich nach Ankunft zu prüfen, setzt sich deshalb sofort in Dunlaoghaire (I beg Your pardon: Queenstown!) an eine Bar und versucht ein Gespräch anzuknüpfen mit irgendeinem irischen „Baddy“. Dies ist schwierig. Bis der Leutnant dessen eingedächtig wird, was ihm sein Vorgesetzter, ein Captain und Ire, so nahe ans Herz gelegt hat: „Baddy“ kann sprechen wie ein Buch, wenn seine Zunge nicht trocken wird. Als „Baddy“ sein viertes Glas in einem schnellen Ruckzuck heruntergegossen hat, achtet der Leutnant den geeigneten Augenblick für angebrochen. In gutem Orford-Englisch fragt er „Baddy“: „Well, was halten Sie nun von der irischen Neutralität?“ „Baddy“ guckt ihn an und in seinen Augen liegt eine wohlwollende Frage. Dann guckt „Baddy“ zu seinem leeren Glas und in seinen Augen liegt eine brennende Frage. Der Leutnant sieht dies alles, weil ein guter Intelligence-Leutnant eben alles sieht. „Baddy's“ Glas wird noch zweimal gefüllt und setzt wird er schon reif sein. „Sind sie wirklich neutral, die Iren... ich meine im geheimsten ihrer Gedanken und im tiefsten ihrer Herzen neutral?“ „Ja sicher!“ meint „Baddy“ etwas unsicher. „Aber wieso denn?“ fragt der Leutnant übereifrig, denn er ist sich eines anfänglichen Sieges schon bewußt. „Baddy“ zögert etwas mit seiner Antwort, bis er ganz bescheiden sagt: „Wir sind wirklich neutral, denn uns ist es wirklich egal, wer England schlägt!“ Um dieselbe Zeit findet in dem irischen Distrikt Ballybrigganboo ein heißer Wahlkampf statt. Ballybrigganboo liegt in Nord-Irland und untersteht der englischen Hoheitsgewalt. In Ballybrigganboo bekämpft ein Kandidat der nordirischen Unionisten, also Versechter der Union mit England, auf Leben und Tod den Kandidaten der Nationalisten, also Versechter der Vereinigung mit dem freien Süd-Irland. Die politischen Diskussionen der Bevölkerung sind erhitzt, sogar in dem Maße, daß zwei Söhne Ballybrigganboo's vor Monte Cassino das politische Gespräch der Heimat fortsetzen. Sie werden in diesem Gespräch ziemlich gestört, weil die deutschen Fallschirmjäger mit 8,8 und 15 cm Feuerüberfälle durchführen. jung blieb aber fruchtlos. Lehrer, Polizisten und andere Regierungsbeamte gingen unter dem Jubel der Bevölkerung an die Wahlurnen. Die Schulkinder blieben aus Protest gegen diese britische Verordnung von der Schule fern. ... Die Engländer setzten nach der Wahl ihren Terror fort. Ein zweiter Schriftsteller, der Sekretär der landwirtschaftlichen Organisation, Socrates Loizides, ein gebürtiger Zypriote, wurde des Landes verwiesen. Die Leibgarde des Gouverneurs wurde unter Auflösung der bisher aus Zyprioten zusammengesetzten Truppe von Engländern gebildet. Der Herausgeber der nationalen Wochenschrift „Ephimeres“ steht vor Gericht, weil er in einem Artikel vom 7. Januar zum Widerstand gegen die Engländer aufgefordert hat. So steht es im Augenblick um Zypern. Eine kleine Insel im Mittelmeer kämpft um ihre Freiheit. In einer Zeit, da der Welt das Gold als höchstes Gut gepriesen wird, zeigt die Bevölkerung dieser kleinen Insel, daß es noch etwas Höheres gibt: die Freiheit. Bei Zypern stieg nach der griechischen Sage Venus Aphrodite aus dem Schaum des Meeres empor. Die Bewohner dieses Eilandes haben ihre Götter nicht vergessen. 359